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10 Thesen zur Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts

Delete this post Verfasst von Hans Schmid <dha.schmid@t-online.de> on 12/Jan/2010
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Konfessionelle Gastfreundschaft – unter diese Perspektive wollen die folgenden Thesen Impulse geben für einen unverkrampften Blick auf die Situation des Religionsunterrichts und Möglichkeiten einer Weiterentwicklung ins Gespräch bringen.


Ein ganz konkreter Anlass war Auslöser dieser Thesen. Per E-Mail wurden die Religionslehrerinnen und Religionslehrer in der Erzdiözese Bamberg befragt, worin sie die Schwierigkeiten und Chancen, die Herausforderungen und zukunftsweisenden Möglichkeiten ihres Faches sehen. Die Antworten – dokumentiert in: Hans Schmid, Einfach in die Tasten geschrieben. 40 E-Mails von Lehrkräften zum Religionsunterricht, München 2009 – führten zu einem längeren Diskussionsprozess innerhalb des Deutschen Katecheten-Vereins (dkv) zur Situation des Religionsunterrichts. Zunehmend wurde darin für mich deutlich, dass unter den gewandelten gesellschaftlichen Verhältnissen der Grundsatz des konfessionellen Religionsunterrichts weiterentwickelt werden muss. Der bekenntnisgebundene Unterricht bisheriger Prägung wird auch in Zukunft an vielen Orten die angemessene Form darstellen. Zugleich zeigt sich jedoch unübersehbar die Notwendigkeit, neue Formen des konfessionellen Religionsunterrichts zu entwickeln, damit er weiterhin tatsächlich Dienst der Kirche an den jungen Menschen sein kann. Zudem tritt immer mehr ins Bewusstsein, dass die katholische und evangelische Kirche in ihrer Verantwortung für den Religionsunterricht am Lernort Schule zunehmend auf gegenseitige Hilfe und Unterstützung angewiesen sind. Die Thesen zur konfessionellen Gastfreundschaft wollen deshalb Impulse geben für einen klaren, unverstellten Blick auf die Situation des Religionsunterrichts in der Schule und Perspektiven für seine Weiterentwicklung ins Gespräch bringen. Die Zeit ist reif.

| 1. | In den letzten Jahren hat sich die Situation des Religionsunterrichts stark verändert. Obwohl die konfessionellen Bindungen abgenommen haben, zeigt sich eine neue, ganz unvoreingenommene religiöse Ansprechbarkeit der Schülerinnen und Schüler: Sie sind sehr offen für Fragen von Religion und Glauben; sie sind interessiert an den großen Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu, nach Gut und Böse, Richtig und Falsch; sie sind dankbar für unterschiedliche Formen der Stille und der Meditation. Der Religionsunterricht erfährt gerade von den Schülerinnen und Schülern her eine ganz neue Wertschätzung.

| 2. | Gleichzeitig hat sich die konfessionelle und religiöse Zusammensetzung an den Schulen stark verändert. Die Zahl der katholischen und evangelischen Schülerinnen und Schüler ist geringer und der Anteil der Nichtgetauften und der Schülerinnen und Schüler anderer Religionen ist größer geworden. Zwar gibt es Gegenden mit einer noch relativ homogenen konfessionellen Mehrheit. Andere Orte gleichen aber inzwischen eher konfessionell-religiösen Flickenteppichen und nicht selten ist der katholische und evangelische Teil gegenüber dem nichtkonfessionellen Teil der Schülerschaft zu einer Minderheit geworden.

| 3. | In der Praxis des konfessionellen Religionsunterrichts führt dies dazu, dass Schülerinnen und Schüler aus mehreren Klassen oft auch jahrgangsübergreifend zusammengelegt werden, damit eine Lerngruppe in der vom Staat vorgesehenen Größenordnung zustande kommen kann. Aus den damit verbundenen organisatorischen Problemen erwächst nicht selten der Druck, den Religionsunterricht an Rand- bzw. in Nachmittagsstunden zu verlegen. Darüber hinaus ist das Anwachsen einer Grauzone zu beobachten, in der die Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht jenseits der gesetzlichen Bestimmungen nicht mehr konfessionell, sondern als Klasse gemeinsam unterrichtet werden.

| 4. | Religionslehrerinnen und -lehrer, die in konfessionellen Lerngruppen aus mehreren Klassen und Jahrgängen unterrichten, berichten von sehr erschwerten Bedingungen, die aus der heterogenen Zusammensetzung erwachsen. Sie haben den Eindruck, dass die guten Chancen, die dem Religionsunterricht als Schulfach von den Schülerinnen und Schülern her heute zuwachsen, durch die schwierigen Rahmenbedingungen zerrieben werden. In solchen Situationen verliert die konfessionelle Trennung des ¬Religionsunterrichts bei Religionslehrerinnen und -lehrern, Schulleitungen, aber auch bei den Schülerinnen und Schülern zunehmend an Plausibilität und Akzeptanz.

| 5. | Zum Selbstverständnis des Religionsunterrichts in Deutschland gehört, dass er kirchlich verantwortet ist und in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der jeweiligen Religionsgemeinschaften erteilt (Art. 7,3 GG) wird. Nicht der Staat kann eine Religion vorgeben. Es ist gerade die gemeinsame Verantwortung von Kirche und Staat, die das besondere Gepräge des Religionsunterrichts in der Bundesrepublik ausmacht. Religionsunterricht ist ein Fach wie jedes andere und ein Fach wie kein anderes.

| 6. | Vor diesem Hintergrund plädiere ich für einen konfessionellen Religionsunterricht, in dem die katholische und die evangelische Kirche in Situationen, in denen sich keine religionspädagogisch sinnvollen Religionsgruppen bilden lassen, einander gegenseitig Gastfreundschaft gewähren. Ein solcher Religionsunterricht der Gastfreundschaft respektiert die Identität der Gastschüler. Er weiß um das Reservoir der Gemeinsamkeiten, aber auch um die Unterschiede. Er drängt den Schülerinnen und Schülern der Gastkonfession nichts auf, sondern hilft ihnen in einer besonderen Situation, an sinnvollen religiösen Lernprozessen teilzunehmen. Dabei bleibt er konfessioneller Religionsunterricht der jeweiligen Religionsgemeinschaft.

| 7. | Gastfreundschaft gehört zu den ältesten Errungenschaften von Kultur überhaupt. Sie gewährt dem Fremden in einer für ihn schwierigen Situation Hilfe und Freundschaft. Sie lebt von Gegenseitigkeit: Weil ich in der Fremde Hilfe brauche, gewähre ich dem Fremden Hilfe. Zur Kultur der Gastfreundschaft gehört, dass der Gastgeber seinen Vorteil dem Gast gegenüber nicht ausnützt, sondern ihm im Gegenteil mit Unterstützung, Wertschätzung und Interesse begegnet.

| 8. | Die Lehrpläne des katholischen und evangelischen Religionsunterrichts folgen den jeweiligen Vorgaben ihrer Kirche. Sie weisen aber große Gemeinsamkeiten auf. In vielen Bundesländern sind in den einzelnen Schuljahren inhaltlich gleiche oder ähnliche Themen vorgesehen, um fächerübergreifenden Religionsunterricht zu ermöglichen. Ein Religionsunterricht der Gastfreundschaft wird sich auf diese Gemeinsamkeiten in den Lehrplänen beziehen; er wird auch konfessionelle Unterschiede im gegenseitigen Verstehen und im Respekt vor der jeweils anderen Konfession deutlich machen.

| 9. | In den letzten Jahren hat sich in der evangelischen und katholischen Religionspädagogik ein vergleichbares religiöses Lernverständnis herausgebildet. Unterrichtselemente, die im Religionsunterricht der einen Konfession erfolgreich sind, werden in konfessionell-kooperativer Gesinnung ohne Berührungsängste auch im Religionsunterricht der anderen Konfession eingesetzt. Das Gleiche gilt auch für Medien und Materialien. Dies hat dazu geführt, dass sich die Lernprozesse im katholischen und evangelischen Religionsunterricht angenähert haben. Im Mittelpunkt eines konfessionellen Religionsunterrichts der Gastfreundschaft wird der Glaube an Jesus Christus stehen, von dem beide bekennen, dass in ihm das Heil auf die Menschen zukommt. Dabei wird er immer wieder auf die unterscheidbare Praxis des Glaubens in den evangelischen und katholischen Gemeinden vor Ort Bezug nehmen. Christlicher Glaube zeigt sich in den jeweiligen Ausprägungen katholischer oder evangelischer Glaubenspraxis vor Ort.

| 10. | Die konfessionelle Kooperation im Religionsunterricht hat im Anschluss an die Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche Deutschlands »Zur Kooperation von Evangelischem und Katholischem Religionsunterricht« in den letzten Jahren auf vielfältigen Ebenen sehr fruchtbare Formen angenommen. Dabei hat das ökumenische Miteinander eine Qualität erreicht, die einen Religionsunterricht der konfessionellen Gastfreundschaft in besonderen Situationen für beide Seiten als zukunftsweisende Chance erscheinen lassen. Darüber hinaus vermag ein Religionsunterricht der konfessionellen Gastfreundschaft ein Zeugnis für die gemeinschaftsstiftende Kraft des christlichen Glaubens zu geben, dem gerade heute in der Schule große Bedeutung zukommt: Trotz aller noch bestehenden Unterschiede wirken der katholische und der evangelische Religionsunterricht aus der Orientierung an Jesus Christus zum Wohle der Schülerinnen und Schüler zusammen.

Dr. Hans Schmid ist Leiter der religionspädagogischen Aus- und Weiterbildung am Priesterseminar Bamberg und verantwortlich für den Religionsunterricht an Realschulen im Erzbistum Bamberg. Er ist Mitglied im Bundesvorstand des dkv.


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